Am Nachmittag des 14. Oktober 1837, kurz nach vier Uhr, setzt sich in Berlin jemand dreimal an denselben Schreibtisch. Dreimal dieselbe Sorge, dreimal fast derselbe erste Satz: „Bis jetzt, 4 Uhr Nachmittags, habe ich auf Eure Ankunftsnachricht gewartet, liebe Kinder! Und da noch nichts gekommen ist, so muss ich noch schnell ein Lebenszeichen geben." Drei Briefe, ein Nachmittag, ein und dieselbe Formel für dasselbe Warten. Nur die Empfänger wechseln: einer geht nach Leipzig, an Felix und Cécile Mendelssohn Bartholdy, die beiden anderen an weitere Angehörige, deren genaue Namen die Handschrift nicht mit letzter Sicherheit preisgibt.
Der Grund für die Unruhe steht im zweiten Satz, in allen drei Fassungen fast wortgleich: „Rebecka geht es ganz in der Ordnung, auch mit dem Nähren." Rebecka Mendelssohn Bartholdy, verheiratete Dirichlet, hat offenbar gerade entbunden. Was folgt, ist eine der unerwarteten Fundstellen des Mendelssohn-Lernarchivs, weil sie nichts mit Musik zu tun hat und alles mit dem Alltag einer Familie im Kindbett: Die „abgeschmackten Ärzte", heißt es im Brief, ließen Rebecka an mehreren der letzten zehn Tage hungern, Morgens und Abends nichts als Wassersuppe, während sie zugleich noch das Kind nähren soll. Und dann, im nächsten Atemzug, die Kehrtwende der ärztlichen Kunst: Branntwein mit Zucker, sofort, für die nährende Mutter. Die Schreiberin — vermutlich, aber nicht mit letzter Gewissheit, Lea Mendelssohn Bartholdy, die Großmutter des Neugeborenen — kommentiert das selbst, trocken, auf Latein: cum grano salis.
Einer von drei Briefen, alle vom selben Nachmittag: „Bis jetzt, 4 Uhr Nachmittags, habe ich auf Eure Ankunftsnachricht gewartet, liebe Kinder! Und da noch nichts gekommen ist, so muss ich noch schnell ein Lebenszeichen geben. — Rebecka geht es ganz in der Ordnung, auch mit dem Nähren."
Man kann sich fragen, warum jemand im Jahr 1837 denselben Text drei Mal von Hand abschreibt, statt eine Kopie anfertigen zu lassen oder zu warten, bis die Nachricht sich herumspricht. Die Antwort liegt in der Post selbst. Ein Brief brauchte Tage, manchmal länger, und wer mehrere Angehörige an verschiedenen Orten gleichzeitig beruhigen wollte, hatte keine andere Wahl, als den immer gleichen Bericht mehrfach zu formulieren. Was heute eine einzige Nachricht an eine Gruppe wäre, war 1837 physische Arbeit: dreimal dieselbe Sorge in die Feder tauchen, dreimal denselben Satz über die nährende Tochter schreiben, mit kleinen Abweichungen, die verraten, dass keiner der drei Briefe eine bloße Abschrift des anderen ist, sondern jeweils neu, aus dem Gedächtnis heraus, formuliert wurde.
Für die KI-Transkription ist das ein Glücksfall und eine Nagelprobe zugleich. Drei Briefe mit fast identischem Text erlauben es, die maschinellen Lesungen gegeneinander zu prüfen: Wo weichen sie voneinander ab, wo bestätigen sie sich gegenseitig? An mehreren Stellen ergänzen sich die drei Fassungen fast wie ein Puzzle, an anderen bleibt trotz dreifacher Überlieferung ein Wort im Ungefähren. Auch das gehört zur Ehrlichkeit einer Handschriften-KI: Manche Lücken schließen sich nicht dadurch, dass man mehr Material bekommt, sondern bleiben, was sie sind — eine Einladung zur eigenen Lektüre.
Die drei Briefe vom 14. Oktober 1837 stehen mit Scan und Transkription nebeneinander unter transkriber.de/mendelssohn/brief/1001441532-cluster, frei zugänglich, ohne Anmeldung. Wer von dort aus weiter möchte, findet im kostenlosen Lernarchiv alle 67 Briefe der Familie, durchsuchbar, mit Personenregister und einem Chat, der auf den Originalen antwortet. Manchmal ist es nicht die große Erzählung, die eine Familie fassbar macht, sondern der Nachmittag, an dem jemand dreimal dieselbe gute Nachricht in die Feder tauchte, weil die Post keine Kopien kannte.
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