Am 16. Mai 1836 setzt sich in Berlin eine Frau an den Schreibtisch, deren Familie an diesem Vormittag offenbar geschwiegen hat. „Als ich diesen Morgen weder von Dir noch von Felix und Cécile etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz." Ein Satz wie ein Wetterumschwung: erst die Leere, dann das Bild vom Karneval, der plötzlich alle Farbe verliert. Es ist einer der schöneren Sätze, die aus dem Familienkreis der Mendelssohns überliefert sind. Nur weiß niemand ganz genau, ob er wirklich so lautet.
Im Lernarchiv von Transkriber liegt dieser Brief zweimal vor. Nicht als Kopie, sondern als zwei unabhängige Leseversuche desselben Originals, entstanden bei zwei getrennten Durchläufen der KI-Transkription. Die zweite Fassung beginnt fast wortgleich: „Als ich diesen Morgen, weder von dir u. Paul, noch von Seelig u. Wohringen etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz." Fast. Aus „Felix und Cécile" ist „Seelig und Wohringen" geworden. Zwei Maschinenläufe, ein Blatt Papier, zwei Namen.
Erste Transkription: „Als ich diesen Morgen weder von Dir noch von Felix und Cécile etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz."
Zweite Transkription: „Als ich diesen Morgen, weder von dir u. Paul, noch von Seelig u. Wohringen etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz."
Kurrentschrift aus den 1830er-Jahren ist keine Schrift, die sich einfach entziffern lässt, wenn man nur genau genug hinschaut. Sie ist eng geschrieben, mit Verbindungen zwischen den Buchstaben, die im 19. Jahrhundert selbstverständlich waren und heute selbst geübten Lesern Mühe machen. Wo eine Unterschrift verblasst oder ein Wort im Falz des Papiers verschwindet, bleibt am Ende eine Lücke, die gefüllt werden muss, entweder von einem Menschen oder von einem Sprachmodell. Transkriber markiert genau diese Stellen: gelb, wenn eine Lesung wahrscheinlich, aber nicht sicher ist, rot, wenn gar nichts zu retten war. Im zweiten Absatz desselben Briefs häufen sich beide Farben, Satz für Satz, bis der Text selbst zum Beleg dafür wird, wie viel an einer einzigen verblichenen Zeile hängt.
Man könnte das als Schwäche verkaufen. Wäre es auch, wenn eine Software behauptete, sie könne jedes Wort mit Gewissheit lesen. Genau das behauptet Transkriber nicht. Die zwei Fassungen desselben Briefs stehen im Lernarchiv nebeneinander, mit Scan und beiden Transkriptionen, gerade weil eine KI, die ihre eigene Unsicherheit zeigt, nützlicher ist als eine, die sie verschweigt. Wer mit historischen Handschriften arbeitet, kennt das Problem aus der eigenen Erfahrung: Auch zwei Archivare, die denselben Brief unabhängig voneinander abschreiben, kommen selten zu einem identischen Ergebnis. Die Maschine unterscheidet sich darin weniger von Menschen, als man zunächst annimmt.
Was an diesem Brief lesbar bleibt, unabhängig von der Fassung, ist ohnehin das Interessantere: eine Familie, die sich Sorgen macht, wenn morgens die Post ausbleibt, ein Alltag aus Wartestunden und kleinen Erleichterungen, eine „glückliche" Nachricht mitten im Text, deren genauer Anlass sich erst erschließt, wenn man weiterliest. Die Unschärfen liegen an den Rändern, in Eigennamen und Nebensätzen. Der Kern der Zeilen, die Sorge, die Erleichterung, die Vertrautheit zwischen Schwestern, steht in beiden Fassungen unverändert da.
Wer sich den Brief selbst ansehen will, findet ihn samt Scan und beiden Transkriptionsversionen unter transkriber.de/mendelssohn/brief/1001206142-3 — ohne Anmeldung, ohne Umweg. Wer danach weiterlesen möchte, mit Suche, Personenregister und einem Chat, der auf allen 67 Briefen der Familie basiert, kann sich kostenlos registrieren und bekommt eine eigene Kopie des gesamten Mendelssohn-Lernarchivs, unabhängig von den Credits für das eigene Archiv. Manche Briefe verraten mehr über ihre Leser als über ihre Verfasser: darüber, was man zu erkennen bereit ist, wenn die Schrift es nicht mehr eindeutig hergibt.
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