Zwei Lesarten eines Briefs

Ein Mendelssohn-Brief von 1836 liegt im Lernarchiv zweimal vor — zwei unabhängige KI-Transkriptionen desselben Originals, mit unterschiedlichen Vermutungen bei unklaren Stellen.

Von Christian Gasche Aktualisiert:
Zwei Lesarten eines Briefs

Am 16. Mai 1836 setzt sich in Berlin eine Frau an den Schreibtisch, deren Familie an diesem Vormittag offenbar geschwiegen hat. „Als ich diesen Morgen weder von Dir noch von Felix und Cécile etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz." Ein Satz wie ein Wetterumschwung: erst die Leere, dann das Bild vom Karneval, der plötzlich alle Farbe verliert. Es ist einer der schöneren Sätze, die aus dem Familienkreis der Mendelssohns überliefert sind. Nur weiß niemand ganz genau, ob er wirklich so lautet.

Im Lernarchiv von Transkriber liegt dieser Brief zweimal vor. Nicht als Kopie, sondern als zwei unabhängige Leseversuche desselben Originals, entstanden bei zwei getrennten Durchläufen der KI-Transkription. Die zweite Fassung beginnt fast wortgleich: „Als ich diesen Morgen, weder von dir u. Paul, noch von Seelig u. Wohringen etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz." Fast. Aus „Felix und Cécile" ist „Seelig und Wohringen" geworden. Zwei Maschinenläufe, ein Blatt Papier, zwei Namen.

Faksimile des Briefs vom 16. Mai 1836

Erste Transkription: „Als ich diesen Morgen weder von Dir noch von Felix und Cécile etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz."

Zweite Transkription: „Als ich diesen Morgen, weder von dir u. Paul, noch von Seelig u. Wohringen etwas erfahren, war mir die Welt wieder ein schwarzer Mummenschanz."

Wo die Schrift aufhört und die Vermutung anfängt

Kurrentschrift aus den 1830er-Jahren ist keine Schrift, die sich einfach entziffern lässt, wenn man nur genau genug hinschaut. Sie ist eng geschrieben, mit Verbindungen zwischen den Buchstaben, die im 19. Jahrhundert selbstverständlich waren und heute selbst geübten Lesern Mühe machen. Die Staatsbibliothek zu Berlin hat dazu eine Einführung ins Lesen alter Schreibschriften veröffentlicht; welche Buchstaben sich dabei besonders hartnäckig verwechseln lassen, steht im Ratgeber zu Kurrent und Sütterlin. Wo eine Unterschrift verblasst oder ein Wort im Falz des Papiers verschwindet, bleibt am Ende eine Lücke, die gefüllt werden muss, entweder von einem Menschen oder von einem Sprachmodell. Transkriber markiert genau diese Stellen: gelb, wenn eine Lesung wahrscheinlich, aber nicht sicher ist, rot, wenn gar nichts zu retten war. Im zweiten Absatz desselben Briefs häufen sich beide Farben, Satz für Satz, bis der Text selbst zum Beleg dafür wird, wie viel an einer einzigen verblichenen Zeile hängt.

Man könnte das als Schwäche verkaufen. Wäre es auch, wenn eine Software behauptete, sie könne jedes Wort mit Gewissheit lesen. Genau das behauptet Transkriber nicht. Die zwei Fassungen desselben Briefs stehen im Lernarchiv nebeneinander, mit Scan und beiden Transkriptionen, gerade weil eine KI, die ihre eigene Unsicherheit zeigt, nützlicher ist als eine, die sie verschweigt. Wer mit historischen Handschriften arbeitet, kennt das Problem aus der eigenen Erfahrung: Auch zwei Archivare, die denselben Brief unabhängig voneinander abschreiben, kommen selten zu einem identischen Ergebnis. Was daraus für die Belastbarkeit einer Abschrift folgt, ist eine eigene Frage: Quellenkritik im digitalen Zeitalter beginnt bei der Einsicht, dass jede Transkription bereits eine Entscheidung ist. Die Maschine unterscheidet sich darin weniger von Menschen, als man zunächst annimmt.

Was an diesem Brief lesbar bleibt, unabhängig von der Fassung, ist ohnehin das Interessantere: eine Familie, die sich Sorgen macht, wenn morgens die Post ausbleibt, ein Alltag aus Wartestunden und kleinen Erleichterungen, eine „glückliche" Nachricht mitten im Text, deren genauer Anlass sich erst erschließt, wenn man weiterliest. Die Originale der Familie liegen im Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek zu Berlin, verzeichnet wie andere Nachlässe und Autographen im Verbundkatalog Kalliope. Die Unschärfen liegen an den Rändern, in Eigennamen und Nebensätzen. Der Kern der Zeilen, die Sorge, die Erleichterung, die Vertrautheit zwischen Schwestern, steht in beiden Fassungen unverändert da.

Zwei Lesarten, ein Original

Wer sich den Brief selbst ansehen will, findet ihn samt Scan und beiden Transkriptionsversionen unter transkriber.de/mendelssohn/brief/1001206142-3 — ohne Anmeldung, ohne Umweg. Wer danach weiterlesen möchte, mit Suche, Personenregister und einem Chat, der auf allen 67 Briefen der Familie basiert, kann sich kostenlos registrieren und bekommt eine eigene Kopie des gesamten Mendelssohn-Lernarchivs, unabhängig von den Credits für das eigene Archiv. Manche Briefe verraten mehr über ihre Leser als über ihre Verfasser: darüber, was man zu erkennen bereit ist, wenn die Schrift es nicht mehr eindeutig hergibt.

Kurz zusammengefasst: Der Artikel zeigt anhand eines echten Mendelssohn-Familienbriefs vom 16. Mai 1836, wie KI-gestützte Transkription historischer Kurrentschrift mit unsicheren Lesungen umgeht. Derselbe Brief liegt im Transkriber-Lernarchiv als zwei unabhängige Transkriptionsversionen vor, die bei unklaren Textstellen unterschiedliche Vermutungen treffen. Der Artikel erklärt, warum das keine Schwäche, sondern Transparenz ist, und verlinkt auf eine öffentlich zugängliche Vorschauseite mit Scan und beiden Fassungen.

Häufige Fragen

Warum unterscheiden sich die beiden Transkriptionen desselben Briefs?

Beide Fassungen stammen aus zwei unabhängigen Durchläufen derselben KI-Transkription desselben Originals. An Stellen, die durch verblasste Tinte oder enge Kurrentschrift schwer zu lesen sind, kommt die KI bei zwei getrennten Versuchen nicht zwangsläufig zum gleichen Ergebnis, ähnlich wie zwei Archivare, die denselben Brief unabhängig voneinander abschreiben.

Was bedeuten die gelben und roten Markierungen im Text?

Gelb kennzeichnet eine Lesung, die wahrscheinlich, aber nicht sicher ist. Rot steht für Stellen, an denen die KI keine plausible Lesart finden konnte und die deshalb offen als unlesbar ausgewiesen werden, statt eine Vermutung als Fakt darzustellen.

Kann ich den Originalbrief und beide Transkriptionen selbst ansehen?

Ja, unter transkriber.de/mendelssohn/brief/1001206142-3 stehen Scan und beide Fassungen nebeneinander, ohne Anmeldung.

Ist der Zugang zum Mendelssohn-Lernarchiv kostenlos?

Ja. Die Registrierung ist kostenlos und unabhängig von den Credits für ein eigenes Archiv, sie umfasst alle 67 Briefe der Familie mit Suche, Personenregister und Chat.

Wie zuverlässig ist eine KI-Transkription bei Kurrentschrift aus dem 19. Jahrhundert allgemein?

Bei klar geschriebenen, gut erhaltenen Passagen liefert sie in der Regel zuverlässige Ergebnisse. Bei verblasster Tinte, engen Buchstabenverbindungen oder unklaren Eigennamen bleiben, wie bei menschlichen Lesern auch, Unsicherheiten, die Transkriber sichtbar markiert statt sie zu glätten.

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Christian Gasche
Christian Gasche

Journalist, Digitalentwickler und Gründer von Transkriber.de. Zur Autorenseite →

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